500 Jahre Reformation

Der Verbreitung des evangelischen Glaubens kommt im Ennstal eine Sonderstellung zu, insbesondere im bis heute protestantisch geprägten Ramsau am Dachstein

Die Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen ab dem Herbst 1517 zählt zu den bedeutendsten Ereignissen der Frühen Neuzeit.

 

Begünstigt durch Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, gelangten Luthers Ideologien und Schriften rasch in Umlauf. Herangetragen durch Knappen, Kaufleute und Adelige erreichten sie bald das steirische Ennstal, wo ab 1519 weite Teile der Bevölkerung Luthers Glaubensgrundsätzen folgten, in der Hoffnung zur Rückbesinnung auf ursprüngliche christliche Werte.

Ende des 16. Jahrhunderts waren bereits rund zwei Drittel aller Steirer evangelisch, darunter unzählige Bauern wie auch Adelige.

Gegenreformation und Geheimprotestantismus

Die katholische Kirche und der österr. Erzherzog Ferdinand II reagierten mit einer Gegenreformation. Ab 1598 wurden evangelische Bücher verboten und verbrannt, und die Anhänger der Reformation mussten sich unter der Androhung von Repressalien zum katholischen Glauben bekennen. Wer sich nicht beugen wollte, wurde zwangsbekehrt oder musste das Land verlassen.

Zu dieser Zeit begannen Bürger in schwer erreichbaren Regionen, allen voran in Ramsau am Dachstein, den evangelischen Glauben geheim zu praktizieren. Salzträger schmuggelten von Gosau über den Dachstein Lutherbibeln in das Bergdorf. Die Einwohner versteckten sie vor den Religionskommissären, zum Teil in den Bergen, oder auch im Stall unter der „bösesten“ Kuh. Nach außen hin rekatholisiert, wurden evangelische Schriften heimlich gelesen und ebenso heimlich Andachten abgehalten. Die Ketzer riskierten damit Haus und Hof zu verlieren.

Tipp: Der Bibelsteig von Gosau nach Ramsau am Dachstein folgt den Spuren der Schmuggler, die über diese Strecke die verbotenen Lutherbibeln ins Ennstal transportierten. Es ist ein Teilabschnitt des 500 km langen Pilgerpfades „Der Weg des Buches“, der von Passau bis zur slowenischen Grenze führt. Details auf www.wegdesbuches.eu

Knapp 200 Jahre später, erst im Oktober 1781, besiegelte das Toleranzpatent das Ende der Gegenreformation und ermöglichte die freie
Religionsausübung.

Bereits im folgenden Jahr wurden in Schladming und in Ramsau am Dachstein protestantische „Toleranzgemeinden“ gegründet. Zu diesem Zeitpunkt offenbarte sich, mit welcher Vehemenz sich der Widerstand der Ramsauer hielt: von 130 Familien waren 127 evangelisch!

500 Jahre später

Noch heute stellt der Anteil an Protestanten in Ramsau am Dachstein rund 80% – deutlich höher als der österreichweite Wert von 4%. Und auch die älteste, noch erhaltene Lutherbibel Österreichs, stammt von einem Ramsauer Traditionshof, datiert auf das Jahr 1536.

Häufig förderten Umbauarbeiten an alten Ramsauer Anwesen in den vergangenen Jahrzehnten historische, einst versteckte Lutherbibeln zutage, andere wurden von Generation zu Generation vererbt. Bei vielen fehlt allerdings das Titelblatt. Eine Sicherheitsmaßnahme, denn die Religionskommissäre der katholischen Kirche konnten zwar nicht lesen, erkannten aber das Erscheinungsbild auf der ersten Seite der Lutherbibel.

Tipps für Interessierte

Aufgrund der bewegten religiösen Geschichte, wird das Reformations-Jubiläum in der Region auf besondere Weise gefeiert:

Der heimische Autor Peter Gruber liest am 13. Mai, um 20 Uhr, in der evangelischen Kirche in Ramsau am Dachstein aus seinem Roman
Die Notgasse. Er beschreibt die Geschichte von vier Brüdern, die zu Beginn der Reformation lebten. Zentraler Handlungsort ist die „Notgasse“, eine schmale Schlucht im Dachsteingebirge, die einst von Almleuten, Säumern und Schmugglern genutzt wurde. Die Schluchtwände zieren bis zu 2000 Jahre alte Felsritzbilder.
Der Gröbminger Josef Schnedl begleitet die Lesung Peter Grubers musikalisch.
Tipp: Der Tourismusverband Gröbminger Land organisiert im Sommer wöchentlich geführte Wanderungen durch das UNESCO Welterbe Notgasse.

 

Das Ramsauer Heimatmuseum Zeitroas eröffnet am 24. Mai anlässlich des Jubiläumsjahres die Sonderausstellung Glaubenskisten 1517–2017. Sie beleuchtet die religiöse Geschichte der Region und ihre Auswirkungen auf Kultur, Tradition, Arbeit, Brauchtum und Bildung ihrer Bewohner. Zugleich prägen in diesem Jahr sogenannte Glaubenskisten das Ramsauer Erscheinungsbild – 15 große Holzboxen, die im gesamten Ortsgebiet aufgestellt werden und ihre Betrachter zur Erforschung der Inhalte einladen. Über die Standorte der Kisten informiert eine spezielle Wanderkarte, die im Tourismusbüro und im Museum erhältlich ist.

Weitere Details liefert das Internet unter www.zeitroas.at

 

Das Museum Schloss Trautenfels (siehe Foto) widmet sich in der Sonderausstellung Gott und die Welt dem Thema Glaube und Glauben. Besucher erfahren u. a. Wissenswertes über die großen Weltreligionen, die Evolution und die Schöpfung. Mit der Geschichte des Schlosses selbst erfolgt schließlich der Bezug zur Reformation. 1575 ließen die damaligen Besitzer die Kirche Neuhaus errichten, die zum religiösen Zentrum der Protestanten wurde. Die Kirchenruine befindet sich nur wenige hundert Meter vom Schloss entfernt, mit einem Bibel-Wanderweg über sieben Stationen entlang der Grundmauern.

Näheres über diese und weitere Ausstellungen in Trautenfels unter www.schloss-trautenfels.at

 

Quellen und weiterführende Literatur:

 

Schloss Trautenfels © Steiermark Tourismus_Katharina KrennBild: Steiermark Tourismus/Katharina Krenn